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Lea Horch ist hauptamtliche Mitarbeiterin bei den WERTESTARTERN. Im Ehrenamt bringt sie sich seit Jahren im CVJM Berlin und im Vorstand der AG der CVJM ein.

„Ihr Ehrenamt klingt nach Stress“ - Ehren- und Hauptamtliche mit Leidenschaft und in gesunder Balance unterwegs


„Ihr Ehrenamt klingt nach Stress.“ Meine Therapeutin schaut mich durchdringend an, während ich auf dem Stuhl gegenüber unsicher rumrutsche.

Ich habe mich eigentlich immer für resilient gehalten. Therapie war etwas, was ich bei anderen sehr gutheißen konnte, aber mich selbst nicht darin gesehen habe. Ich hatte mein Leben lange unter Kontrolle.

Im Sommer 2023 sitze ich nach einem MRT in einem Besprechungszimmer und als der Arzt mir zum dritten Mal in Folge sagt: „Egal, was ich Ihnen gleich sage, es wird alles gut“, ahne ich, dass irgendwas jetzt doch nicht so gut wird, und behalte recht. Vorbei ist es mit der Kontrolle.

Einige Tage nach Entlassung aus dem Krankenhaus kann ich zuhause nicht einschlafen. Meine Gedanken und mein Herz rasen, ich weiß auf einmal nicht mehr, wie man atmet.

Erst rückblickend verstehe ich: Das war meine erste Panikattacke und dieser einen folgten viele. Plötzlich waren mir die einfachsten Dinge nicht mehr möglich: ein Restaurantbesuch; in einer Warteschlange stehen; ein größeres Event besuchen; in der Mitte einer Stuhlreihe sitzen und allem voran: Bahn fahren.

S- und U-Bahnen, von denen ich in Berlin abhängig bin, werden zu meinem Albtraum und Fernfahrten meide ich monatelang. Im besten Fall sitze ich mit Herzrasen, Schwindel und Übelkeit zwischen den Passagieren. Im schlimmsten Fall steige ich Stationen vor meinem Ziel aus oder sitze heulend im ICE. Der tägliche Hin- und Rückweg zur Arbeit ist herausfordernd bis quälend. Als wir für die Weihnachtsfeier der WERTESTARTER den Besuch eines Escaperooms planen, sage ich ab – der Gedanke, „eingesperrt“ zu sein und nicht rauszukönnen, löst Panik in mir aus.

Auch mein Ehrenamt wird massiv durch die Angst eingeschränkt. Ich fahre nicht mehr zu AG-Ausschuss-Sitzungen, meide CVJM-Veranstaltungen und lehne Anfragen, mich einzubringen, ab. Als ich es doch zu einer CVJM-Tagung schaffe und eine Aufgabe übernehme, muss ich eine Freundin bitten, mich schon vorm Frühstück durch eine Panikattacke zu begleiten.

Neben den Attacken schleicht sich eine neue Furcht ein: Was nütze ich dem CVJM, wenn ich mich nicht mehr einbringe? Welche Rolle habe ich im CVJM, wenn ich nichts beitrage? Fragt man mich künftig noch an, wenn ich jetzt absage, oder werde ich bald ersetzt?

Auch geistlich hadere ich.  Jakobs Kampf am Jabbok ist die Bibelgeschichte, die mir in dieser Zeit am nächsten ist: Das Ringen mit Gott – zwischen Unverständnis und Wut – und gleichermaßen ein Nichtloslassen-Können.

Viele Monate später, die Angst ist mittlerweile meine tägliche Begleiterin, komme ich zu der Einsicht: „Ich komme allein nicht mehr hier raus. Ich brauche Hilfe.“ Gott sei Dank bekomme ich über Nachbarn einen Kontakt zu einer Therapeutin, die einen Platz für mich hat.

Jetzt sitze ich seit einem Jahr regelmäßig meiner Therapeutin gegenüber und regelmäßig ist mein Ehrenamt im CVJM ein Thema. Ich lerne: Angst wird massiv begünstigt durch Stress. Durch ein Angst-Tagebuch lerne ich, Zusammenhänge zu erkennen: Je mehr ich mir auflade, je gestresster ich bin, desto stärker und häufiger werden die Panikattacken. Gleichzeitig lerne ich: Vermeidung stärkt die Angst. Mein Gehirn überschreibt die Angst nur dadurch, dass ich mich der Angst immer wieder stelle.

Als ich meiner Therapeutin nach einigen Monaten Therapie freudig von einem neuen Ehrenamt im CVJM berichte, schaut sie mich kritisch an und fragt: „Warum machen Sie das?“ Ich antworte, dass ich dadurch positiven Einfluss auf junge Menschen nehmen kann und es mir Freude macht, den Nachwuchs zu begleiten.

Sie spiegelt mir, dass ich das für mich selbst mache. Mein Selbstwert sei stark abhängig von dem Gefühl, gebraucht zu werden. Es täte meinem Ego gut, eine Rolle im Verein zu haben. Sie sagt mir auch, dass daran nichts verkehrt ist, dass das normal sei und dass die meisten Menschen deswegen ehrenamtlich tätig sind. So schwer mir der Gedanke fällt, ahne ich doch, dass sie recht hat. 

Immer wieder ordnen wir meine Handlungen auf einer Skala zwischen Selbstfürsorge und Hilfsbereitschaft ein. Beides ist im Extrem etwas Negatives. Übertriebene Selbstfürsorge führt zu Egoismus. Übertriebene Hilfsbereitschaft führt zur Aufopferungsbereitschaft. Aufopferung kennen wir als religiöses Motiv. In einigen religiösen Gemeinschaften wird Aufopferung für die Gemeinschaft vorgelebt oder sogar gefordert und wenn wir ehrlich sind: Fordern wir das nicht auch manchmal von den Mitarbeitenden in unseren Organisationen?

Ich verstehe: Es geht nicht darum, alle Aufgaben von sich wegzuhalten, sondern darum, eine gesunde Ausgewogenheit von Stressphasen und Entspannungsphasen zu haben. Diese Ausgewogenheit spüre ich vielen Ehren- und Hauptamtlichen nicht mehr ab. 

Im Ehrenamt erlebe ich, dass sich viele Aufgaben auf immer weniger Schultern verlagern. Programme abzusagen, scheint undenkbar, daher machen Einzelne immer mehr und das führt zwangsläufig für diejenigen zu Stress. 

Ich nehme wahr, dass Veranstaltungen, vor allem die CVJM-Tagungen, immer mehr professionalisiert werden. Das führt zu tollen Erlebnissen und einer sehr hohen Qualität. Gleichermaßen ist das Level an Vorbereitungszeit für viele Ehrenamtliche gar nicht mehr machbar. Wie bleibt der CVJM eine Ehrenamtsbewegung, wenn immer mehr auf den Schultern der Hauptamtlichen ruht?

Stress erlebe ich auch in hauptamtlichen Kreisen, in denen ich unterwegs bin. Stolz erzählt mir eine CVJM-Hauptamtliche, dass sie nach mehreren Jahren im Dienst nun endlich ein Diensttelefon hat. Ich freue mich für sie und hinterfrage gleichermaßen, warum das erst möglich ist, nachdem sie ihren Vorgesetzen gesagt hat, dass es ihr mental nicht gut geht und sie den Workload so auf Dauer nicht mehr schafft.

Eine andere CVJM-Hauptamtliche erzählt mir, dass sie auch in ihrem Urlaub immer ihre Dienstmails liest. Es verlange keiner von ihr, aber dann sei ihr Team doch dankbar, wenn sie auch aus dem Urlaub heraus reagiere. Ich nicke, weil ich das auch aus meiner früheren Tätigkeit im CVJM Berlin kenne, und frage mich: Warum denken wir im sozialen Bereich so oft, dass wir unentbehrlich sind? 

Als Sina Müller und Florian Karcher im vergangenen November die Ergebnisse der Mental Health Studie der CVJM-Hochschule und des CVJM Deutschland vorstellen, bin ich (leider) nicht von den grundsätzlichen Ergebnissen überrascht und stutze dennoch bei manchen Zahlen. Bei fast 2000 Befragten, die hauptamtlich in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, geben 83% an, dass sie Überstunden abbauen dürften, aber nur gut die Hälfte davon macht es auch. Dass es die Struktur dafür grundsätzlich gibt, heißt nicht automatisch, dass es als Kultur gelebt und gebilligt wird.

39% der Befragten sind der Ansicht, dass „eine gewisse Überlastung“ im Hauptamt einfach dazugehöre. 17% der Befragten gaben an, dass sie meistens bis immer in ihrem Beruf überlastet sind.

Das erscheint mir einerseits logisch, denn viele von uns ziehen Sinn, Freude und Bestätigung aus ihrem Engagement und gehen deshalb regelmäßig über ihre eigenen Grenzen. Und gleichermaßen frage ich mich, warum wir dieses Selbstverständnis haben? Sind wir womöglich sogar ein wenig stolz darauf, uns über das gesunde Maß hinweg für diesen Job oder das Ehrenamt einzubringen? 

Ein System, das sich nur erhält, indem einzelne immer über ihre Grenzen hinweg gehen, ist kein gutes und tragfähiges System. Noch eine Erkenntnis aus meiner Therapie. Haben unsere christlich-sozialen Träger, so wie sie aufgestellt sind, gute und tragfähige Strukturen? Haben wir unsere ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden wirklich gut im Blick und wer hat eigentlich wen im Blick? Sehen wir, wo sich eine Überlastung anbahnt, und haben wir eine Strategie für Entlastung? Und was, wenn jemand nicht mehr kann? Haben wir Platz für jemanden, der „nur“ dabei ist, ohne sich einzubringen?

Es gibt einen guten Grund, warum ich so viel mit meiner Therapeutin über mein ehrenamtliches Engagement im CVJM spreche: Ich liebe diesen Verein. Er ist seit über 25 Jahren Teil von mir und zieht sich durch meine gesamte Biografie. Das macht systemblind.

So hart es ist, aber manchmal ist es gut, wenn jemand von außen sagt: „Dein Engagement klingt nach Stress.“ Mich bringt es ins Nachdenken und gerade habe ich mehr offene Fragen als Antworten. Eine Frage davon: Wer wäre ich denn, wenn mein Engagement im CVJM wegfallen würde? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ob das nun Teil der Lösung oder Teil des Problems ist, sollte ich meine Therapeutin wohl in der nächsten Sitzung fragen.