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03. März 2026

Ein Geretteter wird zum Retter

WERTESTARTER: Bernd, was hat deine Arbeit in der Arche mit der Arche Noah zu tun?
B. SIGGELKOW: Der Name ist bewusst gewählt: Die Arche ist ein Rettungsboot für Kinder. Das wird mir immer wieder bestätigt – zuletzt schrieb mir ein junger Mann: „Danke, dass du meine Kindheit gerettet hast.“ Wenige Wochen später brachte er seine achtjährige Tochter und sagte: „Ich möchte, dass sie auch in die Arche geht.“ Das verbindet uns mit der Arche Noah – und auch der Glaube. Noah vertraute Gott und bekam einen Auftrag. Ich verstehe meine Berufung ähnlich: in ein Umfeld zu gehen, in dem Christen eher selten sind.

WERTESTARTER: Hat man dich anfangs belächelt?
B. SIGGELKOW: Ja. Manche Pastoren haben es herablassend als „Kinderarbeit“ abgetan. Gleichzeitig gab es politischen Gegenwind – bis hin zu Morddrohungen und Aufforderungen, den Bezirk zu verlassen. Anfangs durften manche Kinder nicht kommen, weil wir Christen sind. Heute hat sich das verändert: Viele Familien verbinden die Arche mit Verlässlichkeit und Qualität.

WERTESTARTER: Du machst das seit 30 Jahren. Woran liegt das Wachstum?
B. SIGGELKOW: Vor allem am Segen Gottes – und zugleich daran, dass Politik und Gesellschaft bei Kinderarmut zu wenig erreichen. Ein reiches Land dürfte sich Kinderarmut nicht leisten, dennoch wächst sie seit Jahren. Wir begegnen dem nicht mit Programmen, sondern mit Liebe, Beziehung und verlässlicher Begleitung. Das öffnet Herzen – und entspricht dem, wozu Gott uns ruft.

WERTESTARTER: Du bist in die CDU eingetreten und kandidierst in Berlin. Warum der Schritt in die Politik?
B. SIGGELKOW: Für mich ist es eine konsequente Fortsetzung: den Kampf gegen Kinderarmut auf einer anderen Ebene weiterzuführen. Mir ist wichtig, dass christliche Werte nicht nur auf dem Papier stehen. Wir brauchen mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die Verantwortung übernehmen – und ihren Glauben nicht verstecken.

WERTESTARTER: Wie gehst du damit um, dass Christen in Parlamenten nicht die Mehrheit sind?
B. SIGGELKOW: Ich finde: Christen sollten zu ihrem Glauben stehen. Über vieles darf man heute offen sprechen – wenn man aber sagt, dass man an Jesus Christus glaubt, wird man schnell schräg angesehen. Für mich ist klar: Ohne Jesus, der mein Leben verändert hat, könnte ich diese Arbeit nicht tun. Ich begleite seit Jahrzehnten schwere Schicksale – darunter Missbrauchsfälle – und habe zwölf Kinder beerdigt. Das ist belastend. Mein Glaubensfundament trägt mich.

WERTESTARTER: Hast du konkrete politische Ideen gegen Kinderarmut?
B. SIGGELKOW: Bildung ist der Schlüssel. Wir müssen unser Bildungssystem stärker am Kind orientieren und lebensnah gestalten, statt nur frontal zu vermitteln. Außerdem braucht es Angebote und Alternativen für Kinder – nicht nur Debatten über Verbote. Und Sprache ist ein zentraler Integrationsfaktor: Wenn Kinder in der Schule Deutsch sprechen sollen, müssen Eltern realistische Wege haben, Deutsch zu lernen. Zusätzlich sollten Kinder und Jugendliche politisch stärker beteiligt werden – viele Entscheidungen betreffen sie unmittelbar, ohne dass sie gehört werden.

WERTESTARTER: Wie werden Kinder in der Arche zu „Wertestartern“?
B. SIGGELKOW: Unsere Kinder fragen neue Mitarbeitende oft als Erstes: „Wie lange bleibst du?“ Das zeigt ihren Mangel an verlässlichen Bezugspersonen. Kinder brauchen Vorbilder, Leitplanken und eine Ordnung, an der sie sich orientieren können. Wir leben Werte vor – dann entsteht Vertrauen, und Kinder fragen: „Warum reagierst du anders?“ Es gibt Regeln und Konsequenzen, aber auch Vergebung und echte zweite Chancen. Dadurch wächst Orientierung.

WERTESTARTER: Du giltst als unbequem. Wie hält man das aus?
B. SIGGELKOW: Man braucht Mut, Dinge klar zu benennen. Menschen wollen Klartext statt Ausflüchte. Probleme müssen ausgesprochen werden – ohne Hass und Hetze. Toleranz bedeutet für mich auch: Wer Toleranz einfordert, muss sie anderen zugestehen. Ich respektiere Menschen, die nicht glauben – und erwarte, dass auch mein Glaube respektiert wird.

WERTESTARTER: Wo hat Toleranz in Deutschland Grenzen?
B. SIGGELKOW: Toleranz heißt nicht, alles zu akzeptieren. Wir sollten uns auf das Fundament besinnen, das unser Land geprägt hat: Menschenwürde, Freiheit und Demokratie – Werte, die im christlich geprägten Verständnis eine starke Wurzel haben. Dafür brauchen wir Leitlinien und Leitplanken. Als Christ heißt das für mich: Werte nicht nur zu diskutieren, sondern zu leben – und sich an Jesus Christus zu orientieren.

Bernd Siggelkow ist im Dunstkreis von Hamburg, St. Pauli aufgewachsen. Seine theologische Prägung bekam er durch die Heilsarmee. Er ist der Gründer der Arche, die mittlerweile 38 Standorte hat.

Das Interview hat Hartmut Hühnerbein geführt.